„Ein Bekenntnis zur Weiblichkeit“

Designerin Christiane Stefer über Designentwicklung und Modestil bei Hermann Lange

Bielefeld. Hermann Lange ist ein Hersteller von hochwertiger Anlassmode für Damen. Die Diplom-Mode-
designerin Christiane Stefer gibt im Interview Einblicke in die Entstehung der neuen Kollektion. Die Expertin ist seit mehr als 20 Jahren in der Modebranche kreativ: Zunächst als Schneiderin in der Firma Hermann Lange ausgebildet, kehrte sie nach ihrem Studium zum Bielefelder Unternehmen zurück.

Frau Stefer, woher nehmen Sie Ihre Ideen für das Design neuer Kleider?

Die Ideen fallen nicht einfach vom Himmel. Es ist schon so, dass man beim Entwickeln einer neuen Kollektion Inspirationen sucht – etwa auf Messereisen, bei Store-Checks und auf Trend-Infoveranstaltungen, aber auch durch Marktforschung und Feedback unserer guten Kunden. Das paart sich dann mit neuen Ideen.Auf den großen Stoffmessen in Paris und München suchen wir unsere Stoffe aus. Das ist ein toller Fundus, der ganz viel bietet für den festlichen Bereich!

Wie muss man sich das genau vorstellen?

Naja, eine Spitze ist immer eine Spitze. Aber das Ganze folgt bestimmten Trends. Beispielsweise sind Karos gerade ein Thema. Weil unsere Kollektion festlich sein soll, können wir mit einem normalen Tageskaro aber nichts anfangen können. Bei manchen Anbietern gibt es eine Paillette, die solche Karos nachempfindet. Unsere Aufgabe ist es, solche Trends auf unsere Zielgruppe, den festlichen, anlassbezogenen Bereich umzusetzen.

Welche Stoffe werden in der Abendmode genutzt?

Wir haben viele fließende, leichte Qualitäten, Chiffons zum Beispiel, auch Spitzen und Pailletten. Und wir arbeiten sehr viel über elegante Zierteile wie Strass, Ebenso Ösen, Bänder und Borten; es geht bei uns stets auch um schöne Details, die das Ganze in eine elegante Richtung bringen.

Folgen die Trends einem speziellen Rhythmus?

Es gibt schon wiederkehrende Trends in der Mode und ein wenig Bauchgefühl ist auch dabei: Was kommt wieder, wo geht die Reise als Nächstes hin? Es sind keine harten Brüche, sondern immer kleine Impulse, die einen Richtungswechsel ankündigen. Daher ist es wichtig, ein Gespür dafür zu entwickeln…

Welches Material zählt zu ihren Favoriten?

Ich greife immer aus der Fülle des Materials, das verfügbar ist. Mir machen einfach festliche Elemente richtig Spaß; das ist etwas, das mir selbst auch sehr nahe kommt. Wenn man ein persönliches Faible für etwas hat, fällt einem der Umgang damit leicht. Ich verliebe mich in jeder Saison neu in einen Stoff: Das kann mal eine Paillette sein, das kann auch ein toller Satindruck mit einer großen Blüte sein. Es gibt immer ein oder zwei Stoffe, da sage ich: Hier hängt jetzt mein Herz dran!

Man merkt Ihnen an, dass Sie mit Elan und Lust bei der Sache sind…

(lacht) Ja, ich liebe meinen Job, das stimmt. Mein Opa war schon Schneider und ich habe seine Begeisterung für die Mode schon als Kind inhaliert!

Wie definieren sie den Stil von Hermann Lange?

Unsere Kundin ist die „Bestagerin“, die sich für besondere Anlässe gern schick machen will – dazu braucht sie nicht unbedingt die neuesten Trends, aber sie braucht eine sehr gute Passform. Das ist ihr das Allerwichtigste – und deswegen empfinde ich unseren Modestil als zeitlos elegant.

Feminin und elegant im Stil: Festliches Abendkleid von Hermann Lange. Foto: Hermann Lange

Was macht den Stil von Hermann Lange aus?

Wir wollen stets den richtigen Weg für unsere Zielgruppe finden. Unsere Stärke liegt in den großen Größen – wir bieten bis Größe 54 an – und unsere Kundinnen haben ganz bestimmte Bedürfnisse, gerade bei Abendmode: So darf das Dekolleté nicht zu tief sein, und der Rückenausschnitt nur so tief, dass die Unterwäsche bedeckt ist. Sie sind dankbar, wenn ein bisschen Chiffon die
Arme bedeckt. Unsere Stärke ist es, die Schönheit, die Attraktivität und Passform auf eine große Größe gekonnt umzusetzen.

Wie erreicht man denn eine optimale Passform?

Das ist stoffabhängig: Habe ich einen elastischen Jersey, der figurnah sitzen soll? Oder habe ich einen festen, stabilen Stoff, aus dem das Kleid gemacht wird? Wir haben ein sehr kompetentes Team an Schnitt-Direktricen, die diese Herausforderungen meistern. Wir mustern in Größe 38, gradieren zur Probe mal eine 44 oder 46. So können wir sehr schnell sehen, ob die Proportion richtig mitwächst. Ist alles an der richtigen Stelle? Eine gute Schnitttechnikerin wird hier zur Künstlerin!
Bei uns zieht auch ein echtes Modell die Teile an. Wir fragen dann: Wie kann sich die Dame damit bewegen? Fühlt sie sich wohl ? Es ist tatsächlich so – die großen Größen haben andere Bedürfnisse.

Welche Farben spielen aktuell eine Rolle?

Da wir im festlichen Bereich angesiedelt sind, stehen bei uns nicht immer die Trendfarben im Fokus. Kurzes Beispiel: wir suchen immer nach eleganten Farben und selbst wenn ein kiwigrün angesagt ist, werden wir uns immer für ein festliches smaragd entscheiden.

Am Anfang steht der Entwurf: Jedes Kleid bei Hermann Lange entsteht in einem aufwändigen Arbeitsprozess, an dem zahlreiche Menschen beteiligt sind. Foto: Hermann Lange

Schildern Sie uns den Entstehungsweg eines
Hermann-Lange-Kleids?

Das ist ein längerer Weg… (lacht). Zunächst entscheiden wir uns für bestimmte Stoffe, dann kommt das Farbkonzept. Anschließend geht es darum, für die Idee den passenden Stoff herauszufiltern; danach entsteht eine erste Modellskizze.
Eine Schnitt-Direktrice versucht die Proportionen des Entwurfs und die spezifischen Eigenschaften des Stoffes zu berücksichtigen. Es entsteht das Erstmodell am Computer. Der Zuschnitt beginnt und eine Musternäherin fertigt den ersten Prototypen. Dann schauen wir auf unser Muster und sagen: Wow, sieht klasse aus – oder wir modifizieren das Modell, bis alles stimmt.
Rund 250 einzelne Muster bilden am Ende die neue Kollektion. Sie wird in vier bis fünf Monaten vom gesamten Team entwickelt. Dann geht es auch schon auf die Messe, wo die Kollektion verkauft und daraufhin produziert wird – bis sie schließlich bei Nortex erhältlich ist.

Geben die Kunden auch mal ein Feedback?

Das ist für uns überlebenswichtig! Wir bekommen je nach Verkaufsregion ganz unterschiedliche Rückmeldungen. Dabei muss in der Kollektion ein roter Faden erkennbar sein: Jede Kundin soll sich darin wiederkennen können.

Wie wird sich Anlassmode künftig entwickeln?

Ich beobachte, dass es wieder formeller, festlicher, angezogener geworden ist und immer noch wird. Durch die allgemeine Rückbesinnung auf Werte gibt es auch in der Mode einen Trend hin dazu, sich wieder stilvoll anzuziehen. Wir bieten nunmehr auch bodenlange Kleider an – das wird gut angenommen. Man sieht es auch an der Jugend, etwa bei Abschlussbällen: Die ziehen sich dort megaschick an! Es ist auch ein Bekenntnis zur Weiblichkeit. Das Formelle gibt ja ein Stück weit auch seelischen Halt.