Sattmacher trifft Blütenpracht

Eine Ausstellung in Molfsee zeigt den Wandel ländlicher Hausgärten in Schleswig-Holstein

Molfsee. Es ist ein sommerlicher Tag, warm, Sonne und Wolken wechseln sich ab. In einem Garten vor einer alten Bauernkate summen Bienen und Hummeln; sie sammeln fleißig Pollen aus prachtvollen Blüten. Mittendrin steht Dr. Ulrike Looft-Gaude am Beet und gießt ein paar Pflanzen.

Es ist ein ganz besonderer Garten: Wer ihn besichtigt, macht gleichsam einen Zeitsprung von mehr als 150 Jahren zurück in die Vergangenheit.

Der Garten ist Teil der Ausstellung „Kohl-, Appel- un Blomenhoff – Ländliche Hausgärten in Schleswig-Holstein“, die im Freilichtmuseum Molfsee bei Kiel präsentiert wird. Hier lässt sich erleben, welche Gartenkultur unsere Vorfahren vom 19. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre hinein pflegten. Was sie an Obst und Gemüse anbauten, welche Blumen sie liebten – auch, wer sich maßgeblich darum kümmerte und welches Wissen damit verbunden war.

„‘Kohlhoff‘ heißt es, weil hauptsächlich Kohl angepflanzt wurde: Er wächst gut bei uns, kommt mit dem Klima zurecht und ist sehr nahrhaft“, sagt Looft-Gaude, die die Ausstellung kuratiert. Zwischen alten Bauernkaten aus der Bordesholmer Region sind zwei Gärten angelegt, die jeweils für eine bestimmte Epoche der Geschichte stehen.

 

Gelbe Erbsen von Kriegsgefangenen

Etwa für die Zeit zwischen 1860 und 1900 – damals hätten die Menschen vor allem Sattmachendes im Garten angebaut, schildert die Kulturwissenschaftlerin. Auch Kräuter wie Dill, Fenchel, Kerbel, Petersilie, Schnittlauch und Sellerie wachsen hier. Zierpflanzen wie etwa Rosen sind – noch – die Ausnahme.

„Wir haben hier etwas ganz Besonderes“, sagt Looft-Gaude und deutet auf mehrere meterhohe Kletterpflanzen. „Das sind gelbe Erbsen, eine alte Sorte, die es hier sonst kaum noch gibt.“ Vermutlich waren die Zuckerschoten schon im 19. Jahrhundert wichtiges Nahrungsmittel für die Gartenbesitzer – die Pflanzen in Molfsee stammen aber ursprünglich von französischen Kriegsgefangenen, die während des Zweiten Weltkriegs in der Wilstermarsch Zwangsarbeit in der Landwirtschaft leisteten.

 

Fotos: Nortex

„Den leeven Gott sien Hotteperd“

In den folgenden Jahrzehnten fanden stets mehr Blumen ihren Weg in die Gärten, nebenan wurden etwa Äpfel-, Birnen- und Nussbäume angelegt. Mit der vorigen Jahrhundertwende sei es den Bauern immer besser gegangen, sagt Looft-Gaude: „Der Handel florierte, die Verkehrswege waren besser ausgebaut – das bedeutete, die Bauern konnten ihre Waren schneller auf den Markt bringen.“ In der Folge hätten sich mehr und mehr Höfe auch einen schönen Garten leisten können. Schön bedeutete zu der Zeit symmetrische Beete, von Buchsbaumhecken eingefasst, möglichst mit einem zentralen Platz in der Mitte, wie bei den herrschaftlichen Gärten etwa auf Gottorf.

Übrigens: Schön, aber gefährlich ist auch der Eisenhut mit seiner blauen Blüte. In der Ausstellung werden zahlreiche Blumen mit ihrem plattdeutschen Namen gezeigt: Wegen seiner Giftigkeit heißt der Eisenhut hier „Den leeven Gott sien Hotteperd“.

 

Foto: Nortex

Looft-Gaude pflegt die Gärten ehrenamtlich mit einem Team von 16 Helfern. „Für mich ist es eine Art Meditation“, sagt sie. Es geht um den Kontakt zur Natur, darum, sich um einen Fleck Erde kümmern zu können – und dabei innerlich zur Ruhe zu kommen. Diese Sehnsucht nehmen sie und ihre Kollegin Renate Voß auch bei Besuchern wahr, die über den Gartenzaun hinweg ins Gespräch mit ihnen kommen.

Foto: Nortex

„Die Frauen haben schon damals die Gärten gepflegt“, schildert die Kuratorin. Eine systematische Ausbildung für sie gab es erst mit Elisabeth Böhm, die die Landfrauenbewegung ins Leben rief. So entstand 1903 die erste derartige Schule in Hademarschen.

Die Schau „Kohl-, Appel- und Blomenhoff“ ist bis zum 15. September von 9 bis 17 Uhr in Molfsee zu besichtigen.